Mitten im Wald

Aufräumen hat angenehme Nebeneffekte: Nach langer Zeit habe ich einen Text, den ich im Literaturkurs während der Oberstufe geschrieben habe, wieder gefunden.

Mitten im Wald

Grün. Einfach nur ganz viel Grün. Da, etwas Blau und Lila. Lachen, einfach nur lachen. Aber wieso? Egal! Einfach lachen. Aufhören? Nein! Weshalb auch? Ist doch lustig. Und Lachen ist ja angeblich auch die beste Medizin. Auch wenn man nicht krank ist. Moment. War da was? Stille. Ein Knacken. Da kommt jemand!

Nein, das war nur ein Ast unter seinem eigenen Schuh. Doch den nahm er nicht mehr wahr. Er saß einfach nur da auf diesem umgekippten Baumstamm. Mitten im Wald. Ganz alleine, auf einem nassen Baumstamm. Weit und breit kein Mensch. Nur Bäume und Laub. jetzt lachte er nicht mehr. Ganz plötzlich hörte er auf. Er wollte nicht mehr lachen. Nein, jetzt nicht mehr! Es hatte ja auch keinen Sinn. Immer nur lachen. Was sollte das bringen? Nichts! Es gab viel wichtigere Dinge! Er nahm noch einen Zug.

Was sollte er nur machen? Schule? Langweilig! Ein Job? Wie denn, mit den Noten. Es half ja nichts, er musste weiter machen. Oder… Da war noch eine Alternative.

Noch mal ziehen.

Aber. Nein! Das konnte er nicht machen. Nicht so. Nicht einfach aufgeben. Das war nichts für ihn. Er hatte seinen Stolz. Und da kam so etwas nicht in Frage! Was würden denn da die anderen sagen? Er stellte es sich vor, wie sie vor seinem Grab stehen und sagen. „So ein Weichei! Gibt einfach auf und lasst uns hier alleine.“ Nein, der letzte Satz passte nicht. Das würde nie einer von ihnen sagen. Das würde ja bedeuten, dass sie ihn brauchten. Aber das war nicht so. Egoisten können alleine viel besser leben. Die brauchen keine Freunde. Doch er brauchte Freunde.

Ein ganz tiefer Zug.

Er musste husten, das war zu tief Nun lächelt er, und dachte an die lustigen Tage, die sie zusammen hatten. Die ganzen Nächte in denen er die Schule und die Zukunft einfach vergessen konnte. Natürlich war dabei immer Alkohol oder anderes Zeug im Spiel gewesen, aber es half ihm aus seinem Leben zu flüchten,

einfach alles hinter sich zu lassen.

Er zog noch mal und bemerkte dabei, dass er sich schon die ganze Zeit den Zeigefinger verbrannt hatte. Aber das war ihm egal. Er ließ den Rest einfach fallen, ohne an das Laub unter sich zu denken, nahm sich ein neues Blättchen, etwas Tabak und das letzte Stückchen, das er in seiner Tasche gefunden hatte.

Es wunde kalt um ihn herum. Und dunkel. Nach Hause gehen? Später! Noch diese eine!

Er überlegte, worüber er gerade nachgedacht hatte. Ach ja, die anderen. Aber sie waren nicht der einzige Grund, warum er es nicht tat. Da war ja noch sie. Sie liebte ihn. Und sie dachte, dass er es auch tat. Da war er sich aber schon länger nicht mehr so sicher. Immer öfter fragte er sich, warum er noch mit ihr zusammen war. Sie engte ihn ein, jedes Mal, wenn er sich länger mit einem anderen Mädchen unterhielt, bekam er ein schlechtes Gewissen. Er wollte einfach mal wieder frei sein. Einfach machen können, was er wollte, ohne auf sie Rücksicht nehmen zu müssen. Immer nur die gleiche, das war nichts für ihn. Frei sein, einfach nur frei sein, das wollte er. Aber er konnte sie nicht alleine lassen. Wie oft hatte sie ihm schon gesagt, dass sie ohne ihn nicht leben könnte. Das konnte er ihr nicht antun. Doch genau das war es, was ihn wirklich einengte. Er konnte sie nicht verlassen, egal auf welche Weise. Doch wirklich frei wäre er nur, wenn er… Wie oft wünschte er sich, einfach frei zu sein. Frei von allem.

Deshalb saß er auch immer hier und rauchte dieses Zeug. Er entflammte sein Feuerzeug. Hier konnte er über alles nachdenken. Über seine Zukunft, seine Gegenwart und seine Vergangenheit. Hier saß er, wenn er nicht weiter wusste. Dann saß er hier einfach herum und rauchte. Hier hatte ihn noch niemand gestört. Nie kam jemand vorbei. Nur manchmal, da ging jemand auf dem Waldweg, ein paar hundert Meter unter ihm vorbei. Doch von dort aus sah man ihn nicht. Dann war es interessant für ihn, die Leute zu beobachte, wie sie mit ihren Hunden spazieren gingen. Mit diesen kleinen, dreckigen Dingern. Er mochte diese Hunde nicht. Sie waren so fein herausgeputzt. Wenn er einen sah, musste er immer daran denken, wie arm es ihnen ging. Sie konnten nicht so einfach sagen „lass mich in Ruhe, ich will so nicht herumlaufen!“ Nein, sie waren nicht frei. Genau wie er!

Er nahm einen tiefen Zug. Hier fühlte er sich frei. So mitten im Wald, ganz alleine. Kein Mensch weit und breit. Er grinste. „Weit und breit“, breit war er auch. Aber die kühle Luft ließ ihn noch halbwegs klar denken, auch wenn er schon nicht mehr wusste, woran er vor wenigen Minuten gedacht hatte. Doch, da fiel es ihm wieder ein. Und wieder dachte er an seine Zukunft. Und daran, dass nie etwas so klappte, wie er wollte. Immer wurden andere bevorzugt, und er musste zugucken. Eine Träne floss über seine Wange. Er wollte einfach nicht mehr. Nein, schlimmer. Er konnte einfach nicht mehr. Er war am Ende, wusste nicht mehr weiter. Was sollte er denn noch machen? Seine „Freunde“, wie sie sich nannten, konnten auch ohne ihn auskommen. Doch vielleicht waren sie besser dran, wenn er nicht mehr wäre. Vielleicht hatten sie dann ein viel besseres Leben. Vielleicht waren sie dann frei. Frei von ihm.

Er packte in seine Tasche und fühlte sein Messer. Das Messer, mit dem er normalerweise die Zigaretten aufschlitzte um den Tabak leichter zu bekommen.

Ein tiefer Zug, sein Atem stotterte. Er zog es aus seiner Tasche und betrachtete die Klinge. Sie war scharf und sauber. Mit Tränen in den Augen wischte er noch einmal mit seinem Ärmel über die Klinge. Ein letzter Gedanke an sie. Doch das konnte sein Vorhaben auch nicht mehr stoppen. Er war fest entschlossen. In der Klinge spiegelte sich der aufgehende Mond. Vollmond. Er hielt die Klinge an seinen Arm, und plötzlich wurde alles schwarz. Weiß. Ganz viel Weiß. Alles ist so hell. Langsam wird es klarer. Was war geschehen? Wo war er? Und vor allem, warum?

Er lag auf einem harten Bett. Eines dieser harten Betten, die niemand mochte. So unbequem. Und kalt. Nun wurde sein Blick klarer. Er war in einem Krankenhaus. Doch er war ganz alleine. Eigentlich so, wie er es immer gemocht hatte. Nur diesmal mochte er es nicht. Diesmal fühlte er sich einsam. Nicht frei.

Niemand war bei ihm. Keiner seiner „Freunde“. Keiner. Er wollte aufstehen und irgendwen fragen, wie er hierhergekommen war. Doch da fühlte er einen starken Schmerz in seinem Arm. Er fühlte seine linke Hand nicht. Sie war total taub.

Er legte sich wieder hin und dachte nach. Dachte an die anderen, und an sie.

Er fühlte sich nicht mehr frei. Nicht hier. Und auch nicht an irgendeinem anderen Ort. Auch nicht an seinem Ort. Der Ort, an den er immer frei war. Denn den kannten sie ja nun auch. Und sie wussten, was er dort machte. Deshalb konnte er dort auch nicht mehr hin. An seinen Ort. Mitten im Wald.

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