Archive for Juli, 2010

25. Juli 2010

Loveparade, aus der Ferne mitgefühlt

Es hätte ein schöner Tag werden können. Ich hätte mir die Loveparade im TV angesehen und dabei geärgert, dass ich am Abend arbeiten muss und daher nicht nach Duisburg fahren konnte, so wie es ein Freund vorgeschlagen hatte. Ich wäre abends zur Arbeit gegangen und hätte gemotzt, dass ich wegen 5 Besuchern eine geile Party verpasst hätte. Es hätte ein schöner Tag werden können.
Doch es sollte anders kommen. Ich habe die LoPa im TV geschaut, ich habe mich zunächst geärgert. Doch dann hab ich genauer hin gesehen. „Ganz schön voll“ hab ich mir gedacht, aber ok, das ist halt die Loveparade. 1,4 Millionen Menschen sind halt nicht wenig. Kurz darauf schwenkt die Kamera auf eine Stelle am Zaun, welcher gerade eingerissen wird. Selbst die Kommentatoren sind kurz irritiert. Und dabei sah es in dem Moment noch aus, als hätten einfach nur ein paar Leute kein Bock auf die Sicherheitskontrollen. „Das Gelände ist ja toll gesichert“ hab ich mir gedacht. Und „hoffentlich passiert da nichts“. Zurück zur Musik. Die Polizei wird das sicher mit bekommen haben und sich darum kümmern.
Da ich ja schon recht früh wusste, dass ich nicht nach Duisburg konnte, hatte ich mich auch nicht großartig informiert. Das das Ganze auf einem Gelände stattfinden solle hatte ich noch nebenbei gelesen. Und das dieses Gelände irgendetwas mit der Bahn zu tun hat. Das war’s aber schon.
Zwischendurch habe ich von TV auf Radio gewechselt. Ich wollte ja die Musik hören. Irgendwann habe ich zurück geschaltet. Ich sehe, wie Menschen Erdwälle hoch und runter rutschen. „Das kann doch nicht so geplant sein“ hab ich mir gedacht. Kurz darauf ist bei genauem Hinsehen zu erkennen, wie Menschen in der Nähe des Tunnels eine Traverse hoch klettern. Noch immer hatte ich keine genaue Ahnung vom Gelände und dachte, die wollten auch nur abkürzen. Aber es hat mich schon gewundert, dass die Polizei da nicht eingegriffen hat. Schließlich sagt einem auf jeder Abi-Party schon nach kurzer Zeit jemand von der Security, dass man von den Traversen weg bleiben solle.
Ich konzentriere mich erst mal wieder auf meinen PC und bekomme außer der Musik kaum etwas vom TV mit.
Irgendwann wird viel geredet. Mehr als sonst. Länger als sonst. Ich höre genauer hin. „Tote… Verletzte… Massenpanik…“ „Waaas?? Oh Gott! Was ist denn da los?“ Ich verfolge die Berichterstattung nun genauer. Und langsam mache ich mir Sorgen. Einige Freunde wollten dort hin. Und auch einige Leute aus meiner TimeLine. Wie es ihnen wohl geht? Ich versuche mich erstmal selber zu beruhigen und denke „denen wird’s schon gut gehen“. Doch irgendwie lässt mir das keine Ruhe. Ich schreibe eine Rund-SMS an alle, von denen ich weiß, dass sie dort hin wollten und deren Nummer ich habe. Irgendwie werde ich immer abwesender. Mache mir große Sorgen.
Dann endlich eine SMS: „Ja bei uns ist alles gut, machen uns jetzt auch wieder auf den heimweg!“ Puh! Kurz darauf ist auch im Buschfunk zu lesen „[…] . . Lebt noch . . .“. Der war auch in Duisburg. Schön das zu lesen.
Eigentlich könnte ich jetzt beruhigt sein, sind doch wohl alle meiner Freunde wohl auf. Ich werde aber nicht viel ruhiger. Hätte nie gedacht, dass mich ein Ereignis, das so weit weg (immerhin 300km) ist und mich nicht direkt betrifft so mitnehmen könnte.
Auch jetzt, nachdem ich mit der Arbeit fertig bin, bin ich noch ziemlich aufgewühlt. Daher auch dieser Eintrag. Ich versuche noch immer mich zu beruhigen.
Da ich nicht schlafen kann nutze ich die Zeit um mich mal etwas zu informieren. Auf DerWesten.de gibt es interessante Artikel über das Gelände. Dort haben schon vor einigen Tagen Ortskundige geschrieben, dass der Weg durch den Tunnel nicht gut gehen kann. Auch ist zu lesen, dass auf dem Gelände gerade einmal 400 bis 500 Tausend Leute Platz haben. Und das bei einem Event, bei dem mit einer bis 2 Millionen Besuchern zu rechnen war. Der Veranstalter meint, dass ja nie so viele Leute gleichzeitig auf dem Gelände seien. Hallo? Ok, nicht alle 1,4 Millionen, aber mit definitiv mehr als 500.000 Leuten bei der Abschlusskundgebung war doch wohl zu rechnen. Und dass sich viele Leute, die nicht mehr hinein gelassen werden einen anderen Zugang suchen ist ja auch nichts Neues.
Langsam melden sich auch wieder einige Leute aus meiner TimeLine, die sehr nah am Geschehen waren. So schreibt @twitgeridoo: „Genau dort bin ich, etwa 15 Minuten vor der Massenpanik hoch geklettert: http://j.mp/cZ290M ..noch nie habe ich mich dem Tod so nah gefühlt.“ @unkreativnet war wohl beruflich dort und Stand mit seiner Kamera nicht weit vom Unglücksort entfernt. Doch er beweist, dass auch Journalisten Anstand und ein Gewissen haben. Er verzichtet in seinem Blog ganz bewusst auf Fotos, hat sie lieber der Polizei gegeben. Dafür hab ich echten Respekt. Auch wenn man sich dafür mit Nazis vergleichen lassen muss. Manche Leute kapieren es einfach nicht.
Auf DerWesten.de und DWDL.de sind erste Erlebnisberichte zu lesen. Auch hier (fast) keine Fotos. Gut so! Lasst den Quoten-Journalismus ruhig die Bild machen. Und die tut das natürlich auch.
Inzwischen ist auch auf Loveparade.com eine Nachricht an die Opfer und deren Familien zu lesen. Dort war zunächst noch recht lange ein Live-Stream zu sehen. Zwar wurden einige Kameras aus dem Multi-Stream offlline genommen, jedoch waren auch lange nachdem myvideo und youtube den Stream gestoppt hatten noch Live-Bilder vom Gelände zu sehen. Meiner Meinung nach nicht gerade pietätvoll. Das die Musik auf dem Gelände weiter läuft um einen zweiten Massen-Strom zu vermeiden macht ja Sinn und ist eine gute Idee (wenn auch etwas befremdlich), aber den Stream weiter laufen zu lassen als sei nichts geschehen… Nicht so schön.
Langsam beruhige auch ich mich. Endlich. Dies war kein schöner Tag.
Am nächsten Wochenende bin ich auf der Nature One. Gleiche Musik. Aber wesentlich besser organisiert. Und zum Glück werden es wohl nur 60-65 Tausend Besucher. Dort kenne ich das Gelände, kennen auch alle verantwortlichen das Gelände. Sie wissen, was man dort machen kann. Nach 14 Jahren sollte man davon ausgehen können, dass sie genug Erfahrungen haben, damit so etwas nicht passieren kann.
Ich hoffe auf ein schönes, unfallfreies und sonniges Wochenende mit viel Spaß und Musik.
Natürlich gilt mein Beileid allen Opfern und deren Familien und Angehörigen. Diese Loveparade wird wohl so schnell niemand vergessen.

Nachträglich, nachdem ich viele Blogs und Erlebnisberichte gelesen habe, möchte ich noch erwähnen, dass ich mit diesem Eintrag nicht vor habe/hatte Besucher auf mein Blog zu locken. Manch anderer Blog scheint das zu tun. So finde ich persönlich den Eintrag von Sascha Lobo sehr sinnlos. Er schreibt über mehrere Zeilen, dass er nichts zu dem Thema zu sagen hat. Dann soll er es doch auch bitte lassen.
Ich habe diesen Eintrag geschrieben, um meine eigenen Gefühle zum Ausdruck zu bringen – um sie selber begreifen zu können. Denn wie ich oben schon geschrieben habe, hätte ich niemals erwartet, dass mir das Ganze so nah gehen könnte. Noch immer könnte ich weinen, wenn ich Videos und Fotos sehe, auf denen das Geschehen dokumentiert ist. Deshalb versuche ich sie zu vermeiden. Im Moment schaue ich das Extra auf WDR. Dort werden keine Videos gezeigt, in denen Menschen reanimiert werden. Dort wird nicht versucht Quote zu machen. RTL werde ich dagegen die nächsten Tage nicht mehr einschalten. Im Moment kann ich mir die Videos einfach noch nicht ansehen. Nicht, weil ich sie nicht sehen will oder die Augen davor verschließen will, sondern weil ich sie im Moment einfach noch nicht verarbeiten kann.

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