Ja, haltet mich ruhig für bekloppt. Vor 2 Jahren, als ein Freund in der FH eine Präsentation mit dem gleichen Thema hielt, habe ich das auch von ihm gedacht.
Damals hatte ich auch noch ein Auto und bin meist damit die 180km von Hildesheim ins Sauerland gefahren. Einfach, weil es mir bequemer schien.
Doch irgendwann begann ich zu rechnen: Ich habe eine Bahncard50, die mich dank des Studiums nur die Hälfte kostet, und fahre in Niedersachsen mit dem Semesterticket (welches so oder so bezahlt werden muss) im Nahverkehr gratis. Für das restliche Stück in NRW muss ich (seit der letzten Preiserhöhung) 11,30€ zahlen.
Als ich das letzte Mal (bei einem Spritpreis von ca. 1,30€) nachgerechnet habe, hat mich eine Fahrt mit dem Auto ca. 20,-€ gekostet.
Fixkosten, wie die Bahncard und Steuern/Versicherung habe ich bei beiden mal raus gelassen. Die zahle ich ja so oder so.
Ich fing also an, das Auto für die Strecke nur noch zu nutzen, wenn ich etwas großes zu transportieren hatte. Dabei sind mir die weiteren Vorteile aufgefallen:
- Ich muss mich nicht mehr über den Verkehr ärgern
- Ich versuche nicht mit Hängen und würgen 10 weitere Minuten auf der Strecke raus zu holen
- Ich kassiere keine Strafzettel
- Ich kann während der Fahrt lesen
- Ich kann während der Fahrt twittern
- Ich kann während der Fahrt bloggen
Doch der größte Vorteil war, dass ich, selbst wenn ich am Tag davor so richtig einen gehabt habe, mich einfach in den Zug setzen konnte und keine Angst haben musste erwischt zu werden oder gegen einen Baum oder noch schlimmer einen Menschen zu fahren. Damit habe ich höchstens die Leute gestört, die direkt in Riech-Weite saßen.
Und entgegen aller Erwartungen, habe ich bis auf eine patzige olle Kuh an Weihnachten bisher noch nie mit unfreundlichem Bahnpersonal zu tun gehabt. Ganz im Gegenteil, wenn man ihnen mit einem freundlichem Lächeln begegnet und sich an die Regeln hält (ein Ticket besitzen, sich im Zug benehmen etc.) hält, bekommt man fast immer auch ein Lächeln zurück. Die Leute machen schließlich auch nur ihren Job und freuen sich auch, wenn man sich nicht wie ein totaler Vollhonk benimmt.
Ok, ok. Ihr werdet jetzt nach den Nachteilen fragen. Die gibt es natürlich auch. Vielen wird jetzt die Unpünktlichkeit einfallen. Aber wenn ihr mal überlegt, welche Zeitschwankungen beim Autofahren auftreten können, kann man die “normalen” Verspätungen, die meist nur 5-10 Minuten betragen, getrost vernachlässigen.
Ich habe bisher erst ein einziges Mal eine ernsthafte Verspätung gehabt: Weihnachten 2010. Und das war auch nur, weil ein Baum auf der Strecke lag. War ärgerlich, natürlich, hätte aber auch mit dem Auto passieren können.
Ein echter Nachteil ist dagegen der schwierige Transport von Gegenständen etc. Das ist halt so, da muss man dann mit leben. Transport kostet halt. Aber man gewöhnt sich dran.
Die meisten Nachteile ergeben sich in der Regel nicht durch die Bahn selber, sondern durch die Leute und das drum herum. Ein Getränke-Automat, der einen regelmäßig verarschen will ist so eine Sache.
Die Leute, die da mit einem fahren, sind da eine andere Sache. Wenn man einen Zug zu den Stoßzeiten erwischt hat, kann es schon mal ungemütlich werden. Das wird es aber auch auf der Straße. Auf meiner Strecke habe ich nur selten stehen müssen. Meist habe ich sogar 4 Plätze für mich. :)
Dann sind hin und wieder auch mal Leute dabei, bei denen man über Gewalt nachdenkt oder “fremdschämen” noch untertrieben ist. Wer sich aber nachmittags RTL oder gar RTL 2 (dort gilt das für den ganzen Tag) ansieht, darf sich über die light Version im Zug nicht beschweren. Und manchmal ist es auch einfach lustig, wenn da jemand mit EdHary-Pulli und Asiletten sitzt.
Man kann aber auch sehr nette Leute kennen lernen. Dabei gilt das gleiche, wie beim Bahn-Personal: Immer freundlich sein, dann sind sie auch zu dir freundlich. :)
Wenn man sich also erst einmal daran gewöhnt hat, ist die Bahn gar nicht mehr so schlimm. Ich glaube, ich werde sie sogar fast vermissen, wenn ich demnächst nur noch sehr selten damit fahre.

